Obwohl ich beruflich Websites mache, habe ich immer versucht, mir auch für private Projekte Zeit zu nehmen. Eines der ersten und gleichzeitig das am längsten andauernde Projekt dieser Art ist natürlich meine eigene Website. Und obwohl ich mein Geld mit „richtigen“ Kundenprojekten verdiene, glaube ich, dass wir als Webdesigner nachhaltig und in vielen Aspekten von der Arbeit an privaten Projekten profitieren können.

Klein anfangen

Vor einiger Zeit haben einige meiner Teamkollegen und ich beschlossen, jeden Freitag ein neues Bier zu verkosten. Als wöchentliches Cool-Down- bzw. Belohnungs-Event sozusagen. Wir haben ein paar Regeln festgelegt (nur deutsche Biere, richtiges Bier, keine Mischgetränke) und wollten herausfinden, wie viele Freitage wir jeweils ein neues Bier verkosten können, ohne uns dabei zu wiederholen. Zugegeben ein etwas utopisches Unterfangen, aber wir wollten es dennoch versuchen.

Schnell stellten wir fest, dass wir die verkosteten Biere protokollieren mussten – nicht nur um Wiederholungen zu vermeiden, sondern auch, weil wir sie mit einem einfachen 5-Sterne-System bewerten wollten. Eine ordinäre Excel-Tabelle war hierfür zunächst die naheliegendste Option, lange gehalten hat sie aber nicht.

Aufdrehen

Nach wenigen Wochen dachte ich: eigentlich könnte ich für diesen Zweck doch eine kleine Web-Applikation schreiben. Innerhalb eines (zugegebenermaßen sehr langen) Abends hatte ich eine Basisversion fertig, bei der sich meine Teamkollegen einloggen konnten, um neue Biere hinzuzufügen, zu bearbeiten und natürlich, um diese zu bewerten. In den darauf folgenden Tagen entwickelten wir noch einige Verbesserungen, die ich implementierte et voilà: Wir hatten unsere Bier-App als Ersatz für die langweilige Excel-Tabelle.

Die Web-App zu entwickeln hat mir richtig Spaß gemacht. Nicht nur weil wir unsere eigenen Bedürfnisse damit befriedigen konnten, sondern vor allem deshalb, weil ich dadurch die Möglichkeit hatte, neue Dinge auszuprobieren und dabei etwas zu lernen. Ich habe einen Weg gefunden, Processwire zur Datenverwaltung zu benutzen. Ich habe viel über Nutzer-Management und Sessions gelernt. Ich habe Flexbox für Layout-Zwecke eingesetzt und versucht, die Benutzeroberfläche so performant wie möglich zu machen. Und Dank Jeremy’s Einsichten habe ich mich an SVG-Sparklines zur Visualisierung von Nutzeraktivitäten gewagt.

Screenshots unserer Bier-App

Bis jetzt haben wir ein ansehnliches Backlog mit Ideen für die Erweiterung unserer kleinen App zusammen. Beispielsweise bin ich mir sicher, dass ich die Seite irgendwann mit Hilfe eines Service Workers offline verfügbar machen kann.

Einen Schritt weiter

Der ursprüngliche Plan sah vor, dass wir jeden Freitag ein neues Bier verkosten. Aber schon bald fingen meine Teamkollegen und ich an, die App außerhalb dieser zeitlichen Einschränkung zu benutzen. Kaum drei Monate nach dem Launch, waren bereits über 60 Biere eingetragen, verkostet und bewertet.

Da wir aber das perfekte Bier (noch) nicht gefunden hatten, schmiedeten wir einen neuen Plan: Wir wollten unser eigenes Bier brauen. Nach einigen Wochen Recherche und der Beschaffung der entsprechenden Materialien fingen wir mit dem Brauen an. Natürlich brauchte unser Bier auch einen Namen und das passende Branding, also opferten wir unsere Mittagspause und unsere Freizeit, um an diesen Dingen zu arbeiten. Wir entwickelten ein paar grundlegende Gestaltungselemente und der Rest folgte dann fast von alleine: Wir erstellten eine Website, eine Facebook-Seite und einen Instagram-Account, die wir seither fleißig mit Inhalten füllen.

Merchandise-Entwürfe

Ihr seht worauf ich hinaus will, oder?

Ich finde es faszinierend, wie sich Ideen in kleine Neben-Projekte verwandeln, und dass diese Projekte neue Ideen hervorbringen, die wieder zu Projekten werden.

Zusammenfassung

Ich glaube, private Projekte sind aus vielen Gründen unglaublich wertvoll:

Die Freiheit, Fehler zu machen

Ohne Kundenvorgaben kann man tun und lassen was man will. Du wolltest schon immer mal eine bestimmte Technologie verwenden? In privaten Projekten hast Du die Gelegenheit dazu. Wenn man Fehler macht, ist es nicht schlimm, aber die Möglichkeiten dabei etwas zu lernen sind endlos.

Die Möglichkeit, etwas zu lernen

Wenn wir nicht aufpassen, neigen wir dazu, bei Kundenprojekten in bestimmte Muster zu verfallen. Natürlich ist jeder Kunde anders und wir stellen uns von Projekt zu Projekt auf neue Anforderungen ein. Aber wir sind auch Menschen. Und als solche versuchen wir unsere Aufgaben immer so anzugehen, wie wir es gewohnt sind. Die Arbeit an privaten Projekten erlaubt es einem, Dinge anders zu machen als sonst und gibt einem damit die Möglichkeit, dabei etwas zu lernen. Diese Erkenntnisse finden dann wieder ihren Weg zurück in unser Tagesgeschäft. Erst vor kurzem hat mich eine Teamkollegin zu einem Problem befragt, auf das ich sofort eine Antwort hatte, weil ich bei der Entwicklung der Bier-App in genau der selben Situation steckte.

Die Entstehung neuer Ideen

Wenn man mit Feuereifer an etwas arbeitet, entstehen häufig die besten Ideen. In nur wenigen Wochen kamen wir vom Bier-Verkosten über die Entwicklung einer Web-App bis hin zum selbstgebrauten Bier. Ich mag den Flow, der dabei entsteht – vor allem dann, wenn man nicht alleine an solchen Projekten arbeitet. Sobald mehrere Menschen involviert sind, gibt es unendlich viel Raum, um Ideen und Gedanken auszutauschen.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf meiner Website in englischer Sprache veröffentlicht.